Über die ewige Suderei…

24.6.2018

Einen kritischen Artikel in der Online Ausgabe einer österreichischen Tageszeitung über das Erscheinen einer weiteren wienerischen Ausgabe eines legendären Comic nehme ich zum Anlass, mir Gedanken über ein Phänomen zu machen, das mich schon länger beschäftigt, nämlich die ewige Suderei in Sprache und Text vieler Liedermacher Kollegen.

Aus irgendeinem Grund hat sich in der Kulturszene und besonders bei den Liedermachern die Ansicht breitgemacht, dass das Wienerische sprachlich einfach „tiaf“ sein muss, und das vor allem in Kombination mit einer negativen Grundeinstellung. Da ist immer alles irgendwie grau in grau, meistens ohne auch nur annähernd sprachlich und inhaltlich das Niveau eines Qualtinger und/oder Bronners zu erreichen. Positives – so es überhaupt jemals existiert hat –ist bestenfalls Vergangenheit, die Gegenwart ist jedenfalls immer ganz fürchterlich. Wenn man die Mehrheit der aktuellen Songs im Wiener Dialekt hört, fühlt man sich oft in einen österreichischen Kunstfilm versetzt, dessen erste Szene gleich mal an einer gottverlassenen Bushaltestelle an einem Waldviertler Rübenacker spielt, um 7 Uhr früh an einem eisig-nebligen Wintertag…  –  von einer zähflüssigen Melancholie durchsetzt, dass man sich wundert, dass die Leute in der Früh überhaupt aus dem Bett kommen.

Ich vermisse in den Texten vieler Kollegen eine sprachliche Buntheit, wie sie der der der wienerischen Soziolekte entspricht. Und ich vermisse eine Vielfalt der Stimmungen – man mag meiner Argumentation entgegenhalten, dass das Leben nun mal nicht rosig ist (besonders nicht in Wien…). Stimmt natürlich auch (und zwar überall, nicht nur in Wien) aber das Leben ist auch nicht nur „oasch“, so daß man es nur erträgt, wenn man in Trübsal badet und sich beim nächsten Wirten ansauft…

Nur einige wenige schreiben warmherzige,  positive Texte (ich kenne einen, und dem sein Leben ist definitiv alles andere als rosig) – na ja, ein Text muss ja nicht unbedingt romantisch sein (oder pseudoromantisch wie 99 % der Texte im sogenannten Deutschen Schlager), die Liebe ist ja auch nicht immer rosa, es gibt natürlich auch Satirisches, Witziges,  auch bösartig  Zynisches aber mir kommt vor, dass man Erfolg in Wien sehr viel eher mit düsteren Grautönen erreichen kann, dass ein Künstler viel eher von den Medien wahrgenommen wird, wenn er die Welt in grauen Farben malt – das ist vielleicht wie mit den Schlagzeilen: Katastrophenmeldungen verkaufen sich einfach besser…  – es ist wohl irgendwie schick, alles schwarz zu sehen, und so mancher kennt vielleicht den Dialekt nur in seiner grindigsten Form  – kann sein, dass die grauen Texte sozusagen die Erwartungshaltung der Medien vorausnehmen und in vorauseilendem Gehorsam vorgeben, etwas zu sagen zu haben, und das muss natürlich düster sein, sonst merkt’s ja keiner…

Ich leugne keineswegs, daß das Leben nicht immer einfach ist, und es muss natürlich auch entsprechende Texte geben, aber ich weigere mich so zu tun, als wäre die Welt immer und ausschließlich nur Scheisse  (und schon gar nicht für die, die immer so tun und ganz gut davon leben) – das Leben kann verdammt schön sein, und man sollte auch gelegentlich drüber schreiben und sich drüber freuen.

So hört man denn auch (nicht nur in Wien) ununterbrochen das Wort Krise – nebst der Angstmache vor den fürchterlichen Folgen der gegenwärtigen Situation. „Jetzt in der Krise“ dürfen wir uns seit ca. 10 Jahren an jeder Ecke anhören. Nur: Krise sieht anders aus, 1944 war Krise, 1622, 1683, 1679, 1915 etc etc, DAS waren Krisen – in Wahrheit geht es uns so gut wie nie zuvor.

Vielleicht ist der Wiener ja wirklich ein geborener Suderant, aber ich glaube die ärgsten Raunzer und Misanthropen sind die, denen es eh recht gut geht  (auch da kenne ich einen, der eigentlich alles erreicht hat, und dennoch in regelmäßigen Abständen auf diversen Plattformen postet, wie sinnlos und trübe nicht alles ist….)  – wer wirklich am Boden ist, der hat keine Zeit zum Sudern, sondern packt seine Probleme an und schaut, dass es ihm wieder besser geht

Die in vielen Texten durchschimmernde Einstellung „Ollas is Oasch, heit sauf i mi nieder“ – geht mir jedenfalls gründlich „am Zaga“

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