über die alten und die jungen Meister

19.10.2017

Angeregt durch einige interessante Diskussionen im privaten Kreis möchte ich mich In diesem meinem oktoberlichen Blog Beitrag mit dem Schreiben von Musik in älterer und neuerer Zeit befassen…

Wenn man ein Konzert in einem der großen Musentempel dieser Welt besucht, bekommt man oft sehr viel und auch sehr gute Musik von schon lange verstorbenen Komponisten zu hören. Da sitzt man da und lauscht der durchgeistigten Musik eines Johann Sebastian Bach, den virtuosen Klavierläufen eines Franz Liszt oder den gigantomanischen Werken eines Richard Wagner (das allerdings passiert mir eher weniger..), und kann kaum  nachvollziehen, wie diese Herren es bewerkstelligt haben, sich derartige Werke auszudenken und zu Papier zu bringen.

Jawohl, auf Papier! Denn anderes Handwerkszeug stand diesen Komponisten nicht zur Verfügung. Keine Computer, keine Notenschreibprogramme, keine  Tonstudios oder sonstige Maschinen, die für Komponisten unserer Tage selbstverständlich sind. Den Meistern früherer Zeit blieb wenig anderes übrig, als mit Bleistift oder Gänsekiel ihre Notenkringel auf Papier zu kritzeln, kratzend und patzend, teils auf selbst gezeichneten Notenlinien, wenn sie keinen Schüler hatten, der mit dieser Sklavenarbeit seine Musiktheorie Stunden beim Meister bezahlte…

Und dann war da noch der Notendruck: Eine extrem mühselige Angelegenheit, bei der die Noten mittels eines Stempels in die Druckplatten eingehämmert wurden. Dazu benötigte man einen Verleger, der das alles organisierte und  vor allem die Möglichkeiten hatte, den sehr teuren Herstellungsprozess vorzufinanzieren. Im Vergleich dazu kann heutzutage jeder Schreiberling seine Noten mittels eines Notensatzprogramms sehr schnell ziemlich professionell aussehen lassen und dann auch gleich via Drucker und Kopierer beliebig und billig vervielfältigen.

Doch abgesehen von den vorhandenen drucktechnischen Möglichkeiten: Wie haben es diese Komponisten geschafft, solche gigantischen Werke nur aus Ihrer Vorstellungskraft heraus festzuhalten? Von manchem Genie ist überliefert, daß ihm nicht mal ein Klavier zur Verfügung stand und die ganze Partitur einfach so ohne Korrekturen hingeschrieben wurde, wie im Fall von Mozart unter extremem Zeitdruck eine Stunde vor der Premiere, so dass ihm die halbfertige Partitur von den Kopisten aus der Hand gerissen wurde, um die Einzelstimmen für die Musiker abzuschreiben, die dann natürlich keine Probe hatten, sondern das Ganze vom Blatt spielten..

Natürlich waren die Umstände ganz andere – es gab keine ständig klingenden Handys, keine dringend zu beantwortenden Emails, kein Radio und kein Fernsehen, die abgelenkt hätten, keine Polizeisirenen und keine Zeitfresser wie Facebook & Co. Da wurde der kleine Johann Sebastian oder Ludwig als Dreikäsehoch in die Domschule geschickt und dort einige Jahre lang mehrmals die Woche mit niemals enden wollenden Harmonieaufgaben und dem „Gradus ad Parnassus“ traktiert , bis er jede Modulation im Tiefschlaf auf ein Tischtuch hätte schreiben können. Wurde er bei einer Quintparallele ertappt,  hat der arme Kerl wohl noch mit dem Lineal eins auf die Finger bekommen (nicht dass ich solche Erziehungsmethoden befürworten würde…), aber irgendwann waren die Burschen damals wohl so fit in ihrem musiktheoretischen Handwerkszeug, daß sie jede beliebige Melodie einfach so endlos ausführen und in beliebiger Besetzung in jedem damals bekannten Stil aussetzen konnten.  Anders wäre es wohl undenkbar gewesen, dass Wolfgang Amadeus Mozart in seinem kurzen Leben mehr gute Musik komponiert hat, als so mancher Notenkopist in der gleichen Zeit hätte abschreiben können oder daß Wagner seine irren germanisch-schwülstigen Musikdramata am Stehpult schrieb – wenn man bedenkt, daß Beethoven bei der Komposition seiner letzten Werke bereits stocktaub war, wird die Sache noch unvorstellbarer. Was für eine ungeheure Routine und Vorstellungskraft, welcher Fleiss! Und natürlich eine Riesenmenge an Talent und Besessenheit…

Doch Talent und Besessenheit haben auch die Komponisten und Musiker von heute, und fleißig sind sie auch. Aber der Rest? Wie stünde es um die Musik heute, wenn es die modernen Hilfsmittel wie Sequenzing- und Notenschreibprogramme nicht gäbe? Ich wage zu behaupten, es gäbe zumindest keine Popmusik, wie sie uns rund um die Uhr im Radio vorgesetzt wird, oder zumindest bei weitem nicht so viel davon, und vor allem nicht so viel gleich oder ähnlich klingende .  Jeder der sich Komponist nennen will, kauft sich eine „worc station“ und beginnt, per Versuch und Irrtum solange herum zu probieren, dieses dann mit diversen und Effekten und Beats aus der Dose zu versehen, bis es dann nach langem hin und her doch einigermaßen nach etwas klingt. Danach kommt er sich toll vor, veröffentlicht das Ergebnis digital und wartet auf den Tantiemenregen.

Natürlich gibt es auch wirklich tolle Popmusik und viele Kollegen, die weit mehr können als nur die rechte Hand für einen Streichersatz aufs Keyboard zu legen und das Ergebnis dann unformatiert auszudrucken. Aber ob die wahren Könner in der Mehrheit sind, wage ich zu bezweifeln, denn die Versuchung, sich durch die moderne Sequenzer Technik mit gesampleten Sounds, Loops und Effekten in den Möglichkeiten der Technik zu verlieren, ist zu groß, und erscheint auf den ersten Blick auch sehr viel einfacher, als sich Kenntnisse über einen fünften oder gar sechsten Akkord anzueignen.

Das Virtuose Beherrschen der technischen Möglilchkeiten ist nun auch wieder eine Kunst für sich, und nur weil einer ausschließlich mit Beats und Loops am PC  arbeitet und nicht mit der Schönberg’schen Harmonielehre, ist er noch lange kein schlechter Musiker und/oder Komponist.  Wahrscheinlich ist es auch ebenso viel Aufwand, mit den heutigen technischen Möglichkeiten zurechtzukommen, wie vor 150 Jahren das wohltemperierte Klavier und den alten Palestrina zu studieren – vielleicht hätten die alten Meister einen ebenso großen Respekt vor so manchem kreativen DJ gehabt wie viele heute Computerkünstler vor den Herren Mahler, Haydn, Liszt, und Schubert, mit Sicherheit aber hätten Sie an Zauberei oder ähnliches gedacht, religiös wie viele von ihnen damals waren, und Mozart wäre vielleicht der allerwildeste Elektroniker geworden…

Ohne Zweifel hat die Technik sehr viel Musik möglich gemacht, die früher unvorstellbar gewesen wäre – doch eine gelegentliche Rückbesinnung auf das „alte“ Handwerk mit Papier und Bleistift am Klavier könnte auch der modernen Musik mitsamt ihrer Technik nicht schaden.  Und moderne Musiker, deren Horizont weiter reicht als bis zur nächsten Version von diesem oder jenem Computerprogramm, werden das wohl auch immer tun.

Durch die Computerisierung der Musik sind natürlich auch viele Pfuscher und Scharlatane am Werk, deren Qualitäten kaum  über musikalische Basics hinausreichen und mehr im Verkaufen von banalem Tonmaterial  als im echten Musikschreiben liegen. Aber solche gab es zu Mozart’s und Brahm’s Zeiten auch, denn es wurde auch früher viel Mist geschrieben und  verkauft. Marketing war auch schon zu Händel’s Zeiten ein Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg. Doch die Namen der allermeisten sogenannten Komponisten früherer Tage waren schon vergessen, als noch Erde auf ihr Grab geschaufelt wurde und ihre Werke schimmeln in verstaubten Bibliotheken vor sich hin.

Allerdings, um wirklich und vollständig „oldstyle“ arbeiten zu können, müsste man morgens auch sehr früh aufstehen – die alten Meister waren nämlich auf Tages- und Kerzenlicht  angewiesen, denn elektrisches  gab es noch nicht.

– Meine Noten kommen übrigens auch aus dem Drucker…..

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.